Berufsbild: Soziale Arbeit

Hat Soziale Arbeit was mit der Digitalisierung zu tun? Kaum vorstellbar. Denn mit der sozialen Arbeit verbinden wir Hilfeleistung bei individuellen oder sozialen Problemsituationen die durch Nähe und persönliche Kontakte stattfinden. Die Digitalisierung ist dagegen fern und virtuell. Trotz einer solchen nachvollziehbaren Wahrnehmung, entspricht diese polarisierende Gegenüberstellung nicht ganz der Realität.

Spätestens durch die aktuelle Corona-Krise ist es sichtbar geworden, dass sich unser Leben zunehmend in der digitalen Welt abspielt und dass die Digitalisierung sowohl eine Ursache als auch eine Lösung unserer realen Probleme darstellen kann.

Daran kann die Soziale Arbeit sehr wohl ansetzen.

Tatsache ist, Berufe sind keine „natürliche“ Phänomene und werden durch die historisch-gesellschaftlichen Entwicklungen bestimmt. Von daher befinden sich Berufe in einem kontinuierlichen Wandel, auch wenn dieser Prozess oft nicht beobachtbar ist.

Mit diesem Beitrag beginne ich eine Reihe von Blogs, in denen ich den Wandel der Berufsbilder vor dem Hintergrund der Digitalisierung aufzeige. Es ist ein Angebot, laufende Veränderungsprozesse kritisch zu reflektieren, um sich besser darauf einzustellen.

Digitale Transformation – Veränderungen der Arbeitswelt

Wenn wir an die Zukunft der Arbeit denken, prägen meist Schlagzeilen wie „Nehmen Roboter uns die Jobs weg?“ unsere Vorstellung. Auch die wissenschaftliche Literatur beschäftigt sich primär mit der Auswirkung der Automatisierung auf zukünftige Jobs. Dabei reichen die Szenarien von Prognosen über steigende Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigung bis zur Vorstellung, dass die Digitalisierung Arbeitsplätze schafft und die menschliche Arbeit aufwertet.

Die sozialen Berufe scheinen sowohl von den negativen als auch von den positiven Szenarien ausgeschlossen zu sein, da ihnen aufgrund ihrer „menschlichen“ bzw. „sozialen“ Dimension eine geringe Veränderung zugeschrieben wird.

So eine Interpretation wäre zu einfach!

Auch wenn wir annehmen, dass die Digitalisierung die reine Zahl der Beschäftigten nicht negativ verändern würde (seit 2017 gab es einen Beschäftigungszuwachs in der Berufsgruppe Erziehung, Soziale Arbeit und Heilerziehungspflege von 7,8 %), spielt sie eine Rolle bei der Art der Tätigkeiten.

Worauf sollen sich Sozialarbeiter*innen einstellen?

Die Entstehung des Berufs der Sozialarbeiter*innen wird mit der bürgerlichen Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts verbunden und mit den durch Jeannette  Schwerin gegründeten „Mädchen- und Frauengruppe für soziale Hilfsarbeit“ sowie durch Alice Salomon’s Soziale Frauenschule.  Seit dem entwickelt sich die Soziale Arbeit zu einem vielfältigen und breiten Berufsfeld, in dem es nicht nur darum geht Fürsorge und Hilfestellung in schwierigen Lebenssituationen zu leisten, sondern basierend auf den Prinzipien sozialer Gerechtigkeit, die Menschenrechte, die gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt, gesellschaftliche Veränderungen, soziale Entwicklungen und den sozialen Zusammenhalt sowie die Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen zu fördern.

Angesichts der Tatsache, dass die Digitalisierung die Gesellschaft herausfordert und Transformationen hervorruft, wird sie für die Sozialarbeit von Bedeutung sein.

(Digitale) Soziale Arbeit als gesellschaftliche Verantwortung

Die digitale Arbeitswelt setzt Menschen neuen Risiken aus. Insbesondere die sogenannte Plattformarbeit expandiert dank der neuen digitalen Geschäftsmodellen. Plattformarbeiter*innen unterscheiden sich nach Art der Tätigkeit (einfach bis komplex) und Einkommen. Laut einer Befragung der Bertelsmann Stiftung identifizieren sie folgende Nachteile: ständige Verfügbarkeit und keine festen Arbeitszeiten, unfaire, unzureichende Entlohnung und fehlende Unterstützung bei Streitigkeiten mit Auftraggebern, wenig Schutz gegen unfaire Behandlung, unklare Regelungen bei Streitigkeiten mit Auftraggebern, Konkurrenzkampf durch die Vielzahl der Plattformarbeiter*innen, unbezahlter, zusätzlicher Arbeitsaufwand, fehlende soziale Absicherung (da sie quasi selbstständig oder freiberuflich sind).

Die Corona-Krise hat das digitale Arbeiten in den Vordergrund gestellt, dadurch aber auch die soziale Ungleichheit verstärkt. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung trifft die Krise Frauen, Geringverdiener*innen und Menschen mit Migrationshintergrund besonders hart. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt wie stark Selbstständige (was 10 % der Erwerbstätigen ist) im Vergleich zu Angestellten von der Krise betroffen sind. Die Folgen eines Arbeitsplatzverlustes oder eines geringen Einkommens erstrecken sich auf ganze Familien, da Eltern sich beispielsweise die digitalen Geräte, die ihre Kinder zum Lernen benötigen, nicht leisten können.

Da soziale Einrichtungen schließen, bleiben obdachlose Menschen einfach „auf der Straße“. Eine Hilfsorganisation verteilt Handys und vernetzt obdachlose Menschen mittels einer App. Allerdings zeigt die Kritik, dass der unkritische Einsatz von digitalen Tools Menschen nicht nur helfen, sondern sie auch potenziell gefährden könnte (in dem beispielsweise sensible Daten über den Aufenthaltsort oder den Gesundheitszustand von Obdachlosen oder Streetworker*innen gesammelt werden). Neben dem Handeln in Einzelfällen, bekommen Sozialarbeiter*innen so die Verantwortung, auf ethische Aspekte der Digitalisierung hinzuweisen.

Unsere Mediennutzung hat sich geändert. Vor allem das Leben von Jugendlichen spielt sich zum Großteil auf Social Media ab und verbirgt neue Risiken wie unkritischer Konsum von Medieninhalten, Mediensucht bis zu Cybermobbing. Ältere Menschen sind eher von gegenteiligen Risiken betroffen und ihre Nicht-Beteiligung in der online Welt droht sie ökonomisch und sozial abzuhängen. Dabei „müssen“ alle Generationen ihre Daten Preis geben, wenn sie mitmachen wollen.

Da diese Entwicklung sich in den letzten Jahren verstärkt und das Bewusstsein über die Gefahren des Internets (z.B. privacy, Datenschutz) eher dem Individuum überlassen ist, erweitert sich das Arbeitsfeld der Sozialarbeiter*innen. Allerdings war „Medienpädagogik eher ein Orchideenfach“ in der Ausbildung von Sozialarbeiter*innen und deshalb besteht Nachholbedarf. Dabei ist es aus meiner Sicht wichtig, die Vermittlung von Medienkompetenz in verschiedene Fächer zu integrieren.

Digitale Tools als Unterstützung

Dass digitale Informationssysteme in der Sozialen Arbeit Anwendung finden ist nichts Neues. Dadurch beschränken sich bereits die Tätigkeiten der Sozialarbeiter*innen nicht nur auf direkte Kontakte mit Klient*innen, sondern sie erfassen auch Computer-gestützte Aufgaben.

Die digitale Transformation geht über die digital-gestützte Administration hinaus. Digitale Assistenz- und Robotersysteme unterstützen zunehmend das Gesundheits- und Pflegewesen und die Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Kinder- und Jugendarbeit sind ohne Medienpädagogik nicht mehr denkbar. Aber auch in anderen Feldern, die wir nicht direkt mit der Digitalisierung verbinden, wie die Sucht- und Drogenhilfe, die Obdachlosenhilfe und die Frauenhilfe, gibt es einzelne Beispiele der digitalen Hilfestellung.

Die Kommunikationswege der Sozialarbeiter*innen mit ihrer Klientel erweitern sich. Es besteht die Möglichkeit der online-Beratung.

(Beispiel-Links am Ende des Beitrags)

Strukturelle Veränderung durch künstliche Intelligenz

Neue Arten von Technologien, die auf künstlicher Intelligenz basieren, werden die Zukunft prägen. Diese Technologien übernehmen „intelligente“ Aufgaben, die aktuell in dem Hoheitsgebiet der Menschen gehören. Predictive Analytics Technologien kommen bereits vor allem im angle-sächsischen Raum zum Einsatz. Sie stützen sich auf große Datenmengen über Klient*innen und erstellen Muster mithilfe von Algorithmen. So wird beispielsweise „Predictive Risk Modelling“ bei der Kinderfürsorge angewendet, um Informationen über ein Individuum oder eine Familie mit den Mustern zu vergleichen und Kindergefährdung zu identifizieren bzw. vorherzusagen.

In manchen europäischen Ländern, wie Österreich und die Niederlande, verlassen sich die Arbeitsagenturen auf „statistisches Profiling„, um die Reintegrationschancen der Arbeitssuchenden vorherzusagen. Das „System“ entscheidet automatisch aber die zuständigen Mitarbeiter*innen haben am Ende doch die Möglichkeit, die Entscheidung des statistischen Modells aufzuheben.

Auch in Deutschland setzen die Arbeitsagenturen bzw. die Jobcenter bereits ein gewisses „Profiling“ ein, um die Arbeitsmarktchancen der Arbeitssuchenden festzustellen und Qualifizierungsmaßnahmen vorzuschlagen. In dieser Variante werden Arbeitssuchende einem in der Datenbank vorhandenen Profil zugeordnet und erst dann erarbeiten Mitarbeiter*innen des Jobcenters zusammen mit Klient*innen konkrete Handlungsstrategien. Laut einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung beklagen die Mitarbeiter*innen der Jobcenter ihre eigene Ferne zum Profiling und befürworten „eine höhere Kontaktdichte“ mit den Klient*innen.

Das Berufsprofil Soziale Arbeit reflektieren

  • Werden Technologien die menschliche Arbeit ergänzen oder automatisch ersetzen?
  • Inwieweit können Technologien menschliche „Fehleinschätzungen“ korrigieren?
  • Wie werden technologische „Fehler“, die diskriminieren oder falsch beurteilen, erkannt und verhindert?
  • Wie viel Handlungsspielraum wird Sozialarbeiter*innen von technologisch-dominierten Strukturen gelassen?
  • Welche digitalen Kompetenzen müssen die Sozialarbeiter*innen haben?

Bei der Digitalisierung in der Sozialen Arbeit geht es darum, die digitalen Tools bedienen zu können, um größeren Nutzen für die Klient*innen zu erzielen. Es geht aber auch darum, Risiken die durch den Einsatz der digitalen Tools entstehen, richtig einzuschätzen. Das kann schwer funktionieren, wenn Technik- und Softwareerstellung die Bedarfe der Sozialen Arbeit weder kennt noch berücksichtigt. Andersrum müssen Sozialarbeiter*innen  wissen wie die technologischen Systeme funktionieren und wie sie sie für ihre Arbeit nutzen können.

Dieses Thema braucht mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Ein Beispiel ist die 2019 gestartete Awareness-Kampagne des Caritas „Sozial braucht digital„.

Wir müssen aber auch die Curricula an Hochschulen überdenken, um den sozialen Anschluss an der digitalen Zukunft nicht zu verlieren.

Ausgewählte Beispiele:

Cari-App zur Unterstützung ambulanter Suchtbehandlungen

Suchtprävention bluprevent

Hilfefinder Mokli-App für Jugendliche in Not

Frauenhilfe unterwegs App der evangelischen Frauenhilfe in Westfalen e.V.

Online Beratung:

der Caritas für Jugendliche und junge Erwachsene mit Suizidgedanken

OMPRIS ist ein Onlinebasiertes Motivationsprogramm zur Reduktion des problematischen Medienkonsums und Stärkung der Veränderungsmotivation bei Computerspielabhängigkeit und Internetsucht

Wenn Du weitere Beispiel-Vorschläge hast, schreibe mir gerne und ich nehme sie in die Liste auf.

Foto Ross Findon auf Unsplash.

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